Multiple Sklerose -

zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

bei der Vorbereitung zu meinem Vortrag habe ich mich gefragt, ob ich denn überhaupt der rechte Mann bin, den naturheilkundlichen Standpunkt würdig zu vertreten, denn eigentlich waren es ja ganz andere Gründe, die mich vor vielen Jahren bewogen haben, Neurologe zu werden und mich mit der MS zu beschäftigen. Es war ganz im Gegenteil die Faszination der Technik (und zwar in Form der Kernspintomographie), die mich magisch anzog. Junge Ärzte wissen es nicht mehr so, aber für uns bedeuteten die neuen bildgebenden Verfahren eine Revolution in der Medizin. Zum ersten Mal war es möglich, einen Blick in den lebendigen Körper zu werfen, wie es zuvor nur dem Chirurgen vergönnt gewesen war (oder nach dem Tod dem Pathologen), und viele der Krankheiten, die man früher nur aufgrund von umständlichen klinischen Untersuchungen erahnen konnte, für das bloße Auge sichtbar zu machen. Das traf für den Hirntumor in gleicher Weise zu wie für den Bandscheibenvorfall - und natürlich auch für die geheimnisvollste neurologische Krankheit, die MS.

Die MS hatte sozusagen ein Gesicht bekommen, das mit den vielen weißen Punkten einem Sternenhimmel glich, und lange Zeit erlagen wir der Versuchung, das Bild der MS im Kernspintomogramm mit der MS selbst gleichzusetzen. Aber es liegen Welten dazwischen, und es soll in meinem Vortrag nicht zuletzt darum gehen, das nüchterne Bild des Forschers durch das lebendige Bild des wirklichen MS-Kranken zu ersetzen.

Mein Vortrag hat vier Teile. Im 1. Teil werde ich die Hauptgegensätze zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde skizzieren. Dann werde ich auf den Begriff der "Heil"-Entzündung eingehen und eine Antwort auf die Frage versuchen, ob das schnellere Abklingen eines MS-Herdes unter Cortison evtl. zu teuer erkauft ist. Der 3. Teil ist den neuen immunmodulatorischen Substanzen gewidmet, die von den einen als therapeutischer Durchbruch gefeiert, von den anderen als Geschäft mit der Angst abgelehnt werden, und im letzten Teil werde ich mich mit den Prinzipien der Ganzheitsmedizin auseinandersetzen und Ihnen verraten, was ich selbst tun würde, wenn ich eine MS hätte.

 

Was ist die MS?

Beginnen möchte ich jedoch mit einer kurzen Skizze zur gängigen MS-Theorie. Sie liest sich wie ein spannender Krimi. Während der Kindheit soll ein unbekannter Erreger, man vermutet, daß es sich um ein Virus handelt, unbemerkt in unseren Körper eindringen. Viren sind einmal scherzhaft als eine "schlechte Nachricht, eingehüllt in Protein" bezeichnet worden. Sie besitzen also eine Eiweißhülle und an der werden sie von Lymphozyten als Fremdkörper erkannt. Nun gibt es aber einen Trick, das Abwehrsystem zu täuschen, indem es sich wie der Wolf mit einem Schafspelz verkleidet. Ein Virus, das in einen Mantel gehüllt ist, dessen Oberfläche körpereigenen Substanzen, z.B. dem Myelin, täuschend ähnlich ist, kann sich unbemerkt in das Gehirn einschleichen, sich dort einnisten und lange Zeit unentdeckt bleiben.

Nun wacht das Virus aus noch nicht näher bekannten Gründen viele Jahre später auf und versucht, seinen Zufluchtsort zu verlassen. Wenn es dabei mit Lymphozyten in Berührung kommt, erkennen diese endlich, daß es sich um einen Eindringling handelt, der sich unter falscher Flagge eingeschmuggelt hat, und versuchen, ihn zu eliminieren. In der Hitze des Gefechts zerstören sie aber nicht nur das Virus, sondern auch die Struktur, die es zu seinem Schutz imitiert hat. Auf diese Weise leben die Betroffenen in einer ständigen Bedrohung, denn bisher weiß niemand, wer der Eindringling ist und was die Entzündungsschübe auslöst.

 

I. Schulmedizin und Naturheilkunde - zwei feindliche Schwestern?

Was sind eigentlich die Hauptgegensätze zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin?

Es muß Anfang der 80er Jahre gewesen sein, daß ich während eines Kongresses in Lindau mehr oder weniger zufällig in einen schulmedizinischen Vortrag geriet, der sich mit der Naturheilkunde befaßte. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre. Der Vortragende wandte sich mit Pathos gegen Scharlatanerie, romantische Naturverklärung und therapeutischen Nihilismus, machte sich über die Homöopathie lustig und höhnte über Diät, Akupunktur und die Technikfeindlichkeit.

Es sei eine ungeheuerliche ideologische Verblendung, mit der Natur blühende Wiesen, Bauern auf dem Felde und den Geruch wilder Kräuter zu verbinden und diese den Reagenzgläsern, Fabrikschloten und Abwässern der Chemie gegenüberzustellen. In unfairer Weise werde eine Verbindung geknüpft zwischen der Zerstörung der Umwelt und dem Einsatz von Chemie gegen Krankheiten. Die Natur sei nur in Rousseauschen Phantasien "gut", ihr anderes Gesicht seien aber Seuchen, Sturmfluten, Vulkanausbrüche und Erdbeben.

Und was die Psychosomatik anbelange, so möge sie gut sein für Menschen mit Neurosen oder eingebildeten Krankheiten. Nur habe sie dort nichts verloren, wo ernsthafte Erkrankungen vorlägen. Wer einem unheilbar kranken Menschen zu seiner Verzweiflung auch noch den Vorwurf aufbürde, selbst daran schuld zu sein, handele unmenschlich.

Das war der Tenor seiner Streitrede, die mit großem Beifall bedacht wurde. In mir regte sich ein Unbehagen, aber ich traute mich nicht zu widersprechen. Da bat ein älterer Mann ums Wort. Es möge wohl sein, sagte er, daß sich die Homöopathie wissenschaftlich nicht begründen lasse, viele Ärzte Akupunktur betrieben, nicht weil sie davon etwas verstünden, sondern weil sich viel Geld damit verdienen lasse, und es werde sicher auch viel Leid erzeugt durch das Ungeschick von psychotherapeutisch orientierten Kollegen.

Aber müsse man sich nicht auch, wenn man ehrlich sei, an die eigene Brust klopfen und sich selbst genau den Vorwürfen stellen, die man den sog. Außenseitern mache? Mit der Wissenschaftlichkeit sei es doch auch in der Schulmedizin nicht weit her. Trotz der größten Anstrengungen seien die Ursachen der meisten Krankheiten wie z.B. der Arteriosklerose und des Krebses immer noch nicht geklärt. Wie wolle man sie da wissenschaftlich begründet behandeln? Und stehe nicht dem Unwissen hinsichtlich der Ursache der Krankheiten auf der einen Seite eine Unmenge von Medikamenten auf der anderen Seite gegenüber? Allein in Deutschland seien mehr als 50.000 Arzneimittel auf dem Markt. Nach nüchterner Einschätzung seien weniger als 500 Wirkstoffe hilfreich, und trotzdem kämen jährlich Tausende hinzu.

Immer mehr Menschen hätten also das Gefühl, daß in unserem Gesundheitssystem ökonomische Interessen an erster Stelle stünden. Diese unerfreuliche Entwicklung mache leider auch vor der Hausarztpraxis nicht halt. Das Abrechnungssystem lasse es nicht zu, daß sich ein Arzt noch Zeit für seine Patienten nehmen könne und um ihre Sorgen im Beruf und ihre Probleme in der Ehe Bescheid wisse. Könne man da nicht die Menschen verstehen, die nach einer persönlicheren Medizin Ausschau hielten?

Nach der Veranstaltung traf ich den mutigen Kollegen vor dem Hörsaalgebäude. Wir gingen zum Ufer des Bodensees hinunter, und er erzählte mir von seinem Alltag als Landarzt, weit entfernt von jeder Universität, von Menschen, die abergläubisch sind, ein gutes Wort der Aufmunterung und des Trostes brauchen und eine große Abneigung haben vor der erdrückenden Technik und der Verlorenheit in den modernen Kliniken.

Wir sprachen darüber, ob nicht die Anerkennung der Naturheilkunde durch schwer nachvollziehbare Theorien behindert werde? Zum Beispiel die Kernthese der Homöopathie, daß eine geringe Menge einer Substanz genau die Krankheit heile, die sie in größeren Mengen verursache. Müsse man den Kritikern nicht Recht geben, wenn sie dieses Prinzip mit einem mittelalterlichen Exorzismus verglichen, indem man versuche, den Teufel, nämlich die Krankheit, mit dem Beelzebub auszutreiben?

"Ich weiß", sagte er, "auf den ersten Blick sieht es so einleuchtend aus, daß man einen kranken Menschen heilen will, indem man dem, was ihn krank gemacht hat, entgegenwirkt - so wie man ein Feuer mit Wasser löscht. Die Homöopathie sieht das genau anders herum. Ihr Begründer, Samuel Hahnemann, war ein Zeitgenosse Goethes. Nach seinem Medizin- und Chemiestudium eröffnete er eine Praxis für Allgemeinmedizin in Dresden und lernte den Alltag des Arztes kennen: Aderlässe, Blutegel, Schröpfköpfe, Klistiere, Gebrauch giftiger Chemikalien wie Arsen, Blei und Quecksilber. Aber er hatte nicht das Gefühl, heilen zu können. Die Nebenwirkungen übertrafen die Erfolge. Als er Vater wurde und seine Kinder durch ernsthafte Erkrankungen bedroht wurden, mußte er die quälende Erfahrung machen, ihnen nicht helfen zu können, wurde von Skrupeln geplagt und gab seine Praxis auf.

In dieser Zeit entwickelte er die Homöopathie aus einer einfachen Überlegung. Das Ungleichgewicht ist nicht das Wesen der Krankheit, sondern bereits ein Gegensteuern des Körpers. Da der Körper selbst bereits schon gegen die Krankheit kämpft, muß er in seinem Kampf unterstützt werden. Die Krankheitssymptome sind also schon Selbstheilungsversuche. Und wenn man es so sieht, dann ist es klar: man muss sie unterstützen und darf ihnen nicht entgegenwirken.

Das Besondere ist, daß nach dieser Auffassung die Krankheit nicht als ein außer Kontrolle geratener Betriebsunfall, sondern als Gesundungsprozeß aufgefaßt wird, der durch winzige Mengen des Stoffes, der die Krankheit ausgelöst hat, unterstützt und angeregt werden soll. Und überlegen Sie einmal: Wird nicht auch bei einer Impfung eine Krankheit genau durch das verhütet, das sie hervorruft? Und heilt man nicht eine Übelkeit bei einer Magenverstimmung dadurch, indem man Erbrechen provoziert? Oder denken Sie an die Desensibilisierungsbehandlung von Allergien."

So hatte ich das bisher noch nicht gesehen, und ich war etwas verunsichert. Kurze Zeit später kamen wir auf die romantische Vorstellung vom Heilgärtlein der Natur zu sprechen.

Es gebe diesen Heilgarten wirklich, meinte er. Jede siebente Pflanze sei eine Heilpflanze. Dann zählte er auf: Fingerhut zur Stärkung der Herzkraft, Opium gegen Schmerzen, Johanneskraut gegen Depressionen, Gingko gegen Konzentrationsstörungen, Hanf gegen Muskelverspannungen, Baldrian und Melisse zur Beruhigung, Rosmarin zum Anregen, schwarzer Tee als harntreibendes Mittel, Lindenblütentee, um Fieber zu erzeugen, Pfefferminz-Öl gegen Kopfschmerzen und nicht zuletzt Rettichsaft gegen Husten.

Seit diesem Gespräch sehe ich die Naturheilkunde mit anderen Augen. Wenn man beides gegeneinander abwägt, Schulmedizin und natürliche Therapien, scheint eine ganze Menge dafür zu sprechen, aus jeder Denkrichtung das Gute zu nehmen und miteinander zu kombinieren. Das hat übrigens auch August Bier versucht, der durch die Einführung der Spinalanaesthesie bekannt geworden ist. Er war der Vorgänger von Sauerbruch in der berühmten Berliner Charité. Besonders wichtig für unser Thema ist, daß er in der Entzündung keinen sinnlosen Prozeß sah, der das Leben gefährdet, sondern einen zweckmäßigen Vorgang, der dem Versuch der Selbstheilung dient. So sprach er auch gern von der "Heil-entzündung", so wie er auch den Ausdruck "Heilfieber" gebrauchte. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Darum möchte ich es am Beispiel von Cortison näher erläutern.

 

II. Cortison

Gibt es eine "Heil"-Entzündung? oder Ist das schnellere Abklingen eines MS-Herdes unter Cortison zu teuer erkauft?

Unter der Annahme, daß die MS eine Autoaggressionskrankheit ist, bei der "wildgewordene" Lymphozyten die weiße Hirnsubstanz zerstören, wird Cortison bei der MS eingesetzt, um die Angriffslust der weißen Blutkörperchen zu dämpfen.

Die Cortison-Therapie hat viele verwirrende Aspekte. Es beginnt damit, daß Cortison zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin ein Stresshormon ist und die Kampfbereitschaft, den Blutdruck und den Blutzucker erhöht. Gleichzeitig unterdrückt es aber die Wundheilung und die Immunabwehr. Deshalb gilt es auch in der Chirurgie als ein schwerer Kunstfehler, wenn man eine Wunde mit Cortisonsalbe behandelt oder einem frisch Operierten Cortison verabreicht. Die Merkwürdigkeit, auf die ich hier hinweisen möchte, ist also, daß man versucht, eine Entzündungskrankheit dadurch zu behandeln, indem man den Körper unter Stress setzt und ihm ein Medikament gibt, das die Abheilung beeinträchtigt.

Ein weiterer erstaunlicher Punkt ist, daß es bei einem so wirkungsvollen Medikament bisher nicht gelungen ist, die optimale Dosierung herauszufinden. In den sechziger Jahren war es Standard, jeden Patienten mit einem frischen Schub über eine Woche mit zweimal 50mg Prednisolon i.m. pro Tag zu behandeln. Dann setzte sich eine Zeitlang die Behandlung in Tablettenform durch, und jetzt wird seit Beginn der neunziger Jahre in vielen Kliniken eine hochdosierte Infusionstherapie mit 1000 mg Prednisolon über 3 bis 7 Tage durchgeführt.

Keine der Behandlungen hat sich den vorangegangenen gegenüber als nachweisbar überlegen erwiesen, und es ist damit zu rechnen, daß es schon bald zu einer neuen "Mode" in der Cortisontherapie kommen wird. Sie ist bereits in Sicht: die Intervalltherapie mit Cortison. Dabei sollen die Patienten regelmäßig alle 3 Monate eine dreitägige hochdosierte Infusionstherapie bekommen, unabhängig davon, ob sie Schübe haben oder nicht.

Es gibt also eine ganze Reihe von Unklarheiten, was die Behandlung mit Cortison betrifft, daneben aber auch einige echte Probleme. Das größte sind die Nebenwirkungen, nicht nur das kosmetisch entstellende Vollmondgesicht und die Akne, sondern auch die erhöhte Gefahr ein Magengeschwür zu bekommen oder eine Lungenembolie zu erleiden, und vor allem die Knochenerweichung (Osteoporose), die nach einer zu häufigen Anwendung auftritt. Der Kalk löst sich in den Knochen auf, und sie zerbrechen bei geringster Belastung. Die betroffenen Patienten leiden unter schlimmsten Schmerzen, die selbst durch Morphium nicht gelindert werden können.

Trotzdem ist Cortison bei den Patienten sehr beliebt. Das hat zwei Gründe: Es verkürzt den Schub und hinzu kommt, daß es einen euphorisierenden Effekt hat, d.h. daß sich die Patienten unter Cortison stimmungsmäßig "besser" fühlen. Die Cortisonwirkung ist oft so eindrücklich, daß man sich ihrer Überzeugungskraft kaum entziehen kann. Man muß sich das möglichst plastisch vor Augen halten, um nicht in der Diskussion aneinander vorbeizureden, denn als Gesunder ist man allzu leicht geneigt, den Glauben von MS-Patienten an "ihr" Cortison als kritiklos abzutun, wenn man den zauberhaften Effekt nicht am eigenen Leib gespürt hat.

Stellen Sie sich einmal einen Patienten vor, der seit einer Woche ein ringförmiges Spannungsgefühl unterhalb des Rippenbogens verspürt, als werde er von einer Riesenfaust umklammert. Wegen zunehmender Gangstörungen wird er bettlägerig und gleich unter der ersten Infusion mit Cortison bemerkt er, wie sich seine Lebensgeister erholen, und bereits am nächsten Tag ist er wieder in der Lage, kurze Strecken zu gehen. Wer so etwas einmal erlebt hat, hat wenig Verständnis für Ärzte, die sagen, daß Cortison bei der MS eher schade als nutze.

 

Die Schübe bilden sich lediglich schneller, aber nicht besser zurück.

Aber die Bedenken bleiben: Unter Cortison bilden sich die Ausfälle lediglich schneller, aber nicht besser zurück, und die Hauptsorge ist,, daß Cortison die Abheilung der Entzündungsherde beeinträchtigt. Wie kann das sein, werden sich viele von Ihnen fragen, wenn sich die Symptome doch offensichtlich bessern? Wenn ein MS-Herd entsteht, bildet sich um ihn herum eine entzündliche, wässerige Schwellung aus, ganz ähnlich wie bei einem Insektenstich. Man spricht auch von einem Umgebungsödem. Dieses läßt den Herd größer erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Cortison wirkt nun wie ein Schwamm oder Löschpapier, es saugt das Wasser aus dem geschwollenen Gewebe, und es kommt zu einer raschen Besserung, weil der Druck auf die Nerven nachläßt.

Doch das Wunder ist nur scheinbar, weil die Besserung nach ein paar Tagen auch ohne das Cortison eingetreten wäre. Es besteht also absolut kein Zweifel daran, daß durch Cortison die Rückbildung der Symptome beschleunigt wird, aber es ist durchaus nicht sicher, ob dadurch auch der Heilungsprozeß selbst günstig beeinflußt wird. Schließlich handelt es sich ja bei dem Umgebungsödem um eine vernünftige Reaktion des Körpers. Wenn man es vorzeitig zum Abklingen bringt, besteht die Gefahr, daß die Entzündung nicht gründlich genug bekämpft wird, und daß es zu einer zu schnellen und unvollständigen Narbenbildung kommt, die evtl. zu einem immer neuen Aufflackern der Entzündung in alten MS-Herden führt.

 

Je früher, desto besser?

Was bei vielen Krankheiten gilt, je früher man sie behandelt, desto besser heilen sie aus, gilt bei der Cortisontherapie der MS nicht. Nicht alles Gute kommt aus Amerika, aber ich denke, man sollte es mit Cortison so handhaben, wie es die Engländer und Amerikaner tun: Sie warten erst einmal ab, ob es sich um einen leichten Schub handelt, der sich von allein wieder zurückbildet. Sind die Ausfälle jedoch erheblich, so daß z.B. jemand die Gehfähigkeit verliert, wegen "tanzender" Augen nicht mehr lesen kann oder wegen einer schweren Ataxie gefüttert werden muss, dann sollte man sich trotz aller Bedenken für diese Therapie entscheiden. Dasselbe ist der Fall, wenn die Ausfälle über mehr als 7 Tage langsam fortschreiten.

 

III. Die sog. immunmodulierenden Substanzen

Geschäft mit der Angst?

Was das Cortison aus schulmedizinischer Sicht für den akuten Schub ist, sind die Beta-Interferone, das Glatirameracetat und die Immunglobuline für den Langzeitverlauf der MS. Wie bei der Cortison-Therapie ist der Nutzen dieser neuen Medikamente umstritten. Die einen glauben, daß endlich ein Durchbruch in der MS-Therapie erzielt worden sei, die anderen sind durch den großen Werberummel mißtrauisch geworden, stehen den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien skeptisch gegenüber, bezweifeln, daß sie ausreichend verblindet waren und halten den etwaigen Nutzen durch die Nebenwirkungen zu teuer erkauft.

Besonders umstritten ist die Empfehlung, mit den neuen Therapien möglichst frühzeitig, also am besten gleich nach dem ersten Schub zu beginnen. Hierbei spielt die überholte Auffassung eine Rolle, die MS sei eine Erkrankung, die unerbittlich fortschreite und über kurz oder lang zu Rollstuhlabhängigkeit und Pflegebedürftigkeit führe. Darum müsse sie so früh wie möglich gebremst werden.

Diese Fehleinschätzung ist historisch bedingt und hat etwas damit zu tun, daß die Diagnose noch vor wenigen Jahrzehnten außerordentlich schwierig war. Die Dunkelziffer war hoch, und es wurden hauptsächlich die Fälle diagnostiziert, die so dramatisch verliefen, daß man sie einfach nicht übersehen konnte. Aus diesem Grund wurde der Ruf der MS von den ungünstigsten Verlaufsformen bestimmt.

Seit der Einführung der Kernspintomographie werden jedoch immer häufiger leichte und leichteste Verlaufsformen gefunden, die sich früher jedem Nachweis entzogen hätten. MS-Spezialisten schätzen, daß 50% der MS-Erkrankungen asymptomatisch, also klinisch unbemerkt verlaufen.

Es gibt also ein breites Spektrum von MS-Verläufen, das sich von "stummen" Formen über milde Ausprägungen mit wenigen Schüben bis hin zu aggressiven Verlaufstypen erstreckt, die innerhalb von Wochen und Monaten zu Bettlägerigkeit und sogar zum Tod führen können. Viele Ärzte sind deshalb der Ansicht, daß eine Behandlung gleich nach dem ersten Schub bei einer großen Zahl der Betroffenen überflüssig wäre, da die Krankheit auch ohne Medikamente einen günstigen Verlauf nehmen würde. Wegen der doch erheblichen Nebenwirkungen müsse die Indikation in jedem Einzelfall sorgfältig erwogen werden. Wie das aussehen könnte, möchte ich Ihnen an zwei Beispielen erläutern.

 

Fall 1: Eine 37jährige Lehrerin hat seit 12 Jahren eine MS. Sie berichtet, daß sie im letzten Jahr sechs und in diesem Jahr bereits fünf Schübe erlitten habe. Sie ist leicht gehbehindert, die Gehstrecke beträgt ca. 1 km. Auf die Frage, wie genau sich die letzten Schübe bemerkbar gemacht hätten, berichtet sie, eigentlich sei es immer dasselbe: Es beginne damit, daß sie Gefühlsstörungen im rechten Bein bekomme. Gleichzeitig werde es schwer wie Blei und außerdem verspüre sie ein Druckgefühl unterhalb des rechten Rippenbogens. Es stellt sich heraus, daß ihre MS auch mit derselben Symptomatik begonnen hat. Die Kernspintomographie zeigt nur einen einzigen Herd im Rückenmark in Höhe des 8. Brustwirbelkörpers. Das Gehirn ist völlig herdfrei. Ihre Neurologin drängt sie, eine Behandlung mit Betainterferonen zu beginnen.

 

Was meinen Sie? Man könnte meinen, daß die Häufigkeit der Schübe ein eindeutiges Kriterium für den Beginn einer Betainterferon-Therapie sei. Aber schauen wir uns den Fall einmal näher an. Sie hat immer wieder dieselben Symptome, und eine Kontrolle der Kernspintomographie zeigt, daß keine neuen Herde hinzugetreten sind.

An dieser Stelle ist ein Unterscheidung von größter Bedeutung. In Deutschland werden immer noch "echte" Schübe, also neue, vorher nicht bekannte Symptome, die ein sicherer Hinweis dafür sind, daß sich zusätzliche Herde gebildet haben, und das Wiederaufflackern von altbekannten Symptomen in einen Topf geworfen. Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, daß eine strikte Trennung notwendig ist, denn Schübe mit neuen Herden sind natürlich ungünstiger als ein alter Herd, der (möglicherweise als Folge einer Cortisonbehandlung) nicht zur Ruhe kommt. Trotz der scheinbar hohen Schubrate kommt also im vorliegenden Fall eine Betainterferon-Behandlung nicht in Frage, weil die Krankheitsaktivität sehr gering ist.

 

Fall 2: Bei einer 28jährigen Bankangestellten ist seit zwei Jahren eine MS bekannt. Jetzt hat sie nach einem Indienaufenthalt einen zweiten Schub erlitten, nachdem sie an einer anstrengenden Bergwanderung in Katmandu teilgenommen hatte. Vorher hatte sie sich gegen Hepatitis B impfen lassen. Sie wollte sich und ihrem Freund zeigen, daß ihr die MS nichts anhaben könne. Im Krankenhaus habe ihr der Chefarzt gesagt, wenn sie sich nicht mit Betainterferonen behandeln lasse, müsse sie damit rechnen, daß die Krankheit weiter fortschreite.

 

Man kann es auch anders sehen. Die Patientin hat sich unvernünftig verhalten. Sie hat den zweiten Schub geradezu provoziert, indem sie nicht nur in ein Land mit hohen Temperaturen gereist ist, sondern sich auch noch zusätzlich einer immensen körperlichen Strapaze unterzogen hat. Außerdem sollte man sich als MS-Betroffener sehr gut überlegen, ob man nicht lieber auf Auslandsreisen, die eines Impfschutzes bedürfen, verzichten sollte. Hier steht also die Vermeidung auslösender Faktoren vor einer medikamentösen Behandlung.

 

Die immunmodulatorische Stufentherapie oder MS und Zytostatika

Ich komme nun zu einem besonders traurigen Kapitel der MS, wo die Gegensätze zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde am deutlichsten zutage treten.

Auch wenn sich das Erscheinungsbild der MS so sehr zum Positiven gewandelt hat, gibt es Verläufe, die erschütternd sind. Die MS kann grausam sein. Sie kann Sie wie eine Betrunkene taumeln und Ihre Augen tanzen lassen. Sie kann Sie an den Rollstuhl fesseln - und sie kann sie sogar töten. Jeder Arzt kennt das Gefühl der quälenden Hilflosigkeit diesen Verläufen gegenüber. Was soll er tun? Stellen wir uns vor, zwei Ärzte unterhalten sich, nachdem sie gemeinsam eine schwerkranke junge Frau mit MS in Ihrem Zimmer aufgesucht haben. Sie ist 17 Jahre alt und noch vor 6 Wochen eine fröhliche Gymnasiastin gewesen. Jetzt ist sie ein Wrack, zittert am ganzen Körper, kann ihr Bett nicht mehr verlassen und muß gefüttert werden. Beide sind erschüttert. Der eine, der jüngere von beiden, drängt darauf, alles auf eine Karte zu setzen. Er will nicht vor der Krankheit kapitulieren und das Mädchen kampflos seinem Schicksal ausliefern. Er hält Zytostatika für die letzte Chance. "Wir können doch nicht einfach nur zusehen", sagt er. "Auch wenn die Therapie aggressiv ist; schließlich handelt es sich ja auch um eine aggressive Krankheit. Und so, wie die Sache steht, können wir ja nichts verlieren."

Der andere weist darauf hin, daß es keine wissenschaftlichen Studien gibt, welche die Wirksamkeit von Zytostatika bei MS beweisen. Außerdem will er die Kranke nicht zusätzlich mit den Nebenwirkungen quälen. Und nach langem Zögern kommt er zu dem entgegengesetzten Entschluß: "Wenn wir nicht wissen, ob es besser ist, etwas zu tun, was eine zusätzlich Gefährdung bedeuten kann, oder es zu lassen, dann sollten wir es lassen."

An dieser Stelle fallen oft die bösen Worte vom "blinden Aktionismus" und "therapeutischen Nihilismus", welche die Diskussion beenden, aber nie bereichern. Beide Ärzte unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihres Wissens; sie unterscheiden sich durch das Bild, das sie von der Krankheit, vom Arztberuf und von sich selbst haben. Und nicht selten ist es auch eine Frage des Alters. Ein junger Arzt neigt eher dazu, die Krankheit zu bekämpfen wie Siegfried den Drachen, während der ältere im Laufe seines Lebens zurückhaltender geworden ist.

 

IV. Der ganzheitliche Therapieansatz

 

Wie könnte ein naturheilkundlicher Therapieansatz aussehen?

Damit sind wir auf der anderen Seite der Medizin angelangt. Wenn man wie August Bier Schulmedizin und Naturheilkunde miteinander verbindet und dies mit einer psychosomatischen Sichtweise kombiniert, spricht man von Ganzheitsmedizin. Sie beruht auf 5 Grundprinzipien: Das 1. ist die Ganzheitlichkeit, von der dieser Ansatz seinen Namen hat. Damit ist gemeint, daß Körper und Seele nicht zu trennen sind und zwischen ihnen ein kompliziertes Netz von Wechselbeziehungen existiert; 2. wird vom Patienten erwartet, daß er Mitverantwortung für seine Gesundung übernimmt; 3. wird er Einzigartigkeit jedes Menschen eine hohe Bedeutung zugemessen; 4. wird eine Selbstheilungskraft des Organismus angenommen, die mit Hilfe natürlicher Verfahren gefördert werden soll. Und 5. wird alles gemieden, was in irgendeiner Weise zu einer zusätzlichen Schädigung führen könnte, weshalb man auch von einer "sanften" Therapie spricht.

Einiges davon habe ich bereits angesprochen: Die Mitverantwortung, der jungen MS-Betroffenen, welche die Bergwanderung in Katmandu unternahm, die Selbstheilungskraft des Körpers, die möglicherweise durch Cortison geschwächt wird, und die Entscheidung für eine sanfte Vorgehensweise am Beispiel der Zytostatika.

Bleiben die Einzigartigkeit und die Ganzheitlichkeit, also die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele, die für sich allein ein eigenes Thema sind. Für heute nur so viel: Ein entscheidender Wesenszug der MS ist, daß sie sich in einem labilen Gleichgewicht, also in einer Pattsituation zwischen der Aggressivität des Erregers und der Verteidigungskräfte Ihres Körpers befindet. Schließlich zeigen ja sowohl die Rückbildung der Symptome als auch die langen Ruhephasen zwischen den Schüben, daß es Ihrem Immunsystem möglich ist, die Krankheit in Schach zu halten. In den vielen Fällen, wo es sich nur um eine leichte Form der MS handelt, kann es nur dann zu einem Schub kommen, wenn die Abwehrkräfte darniederliegen. Darum kann es wichtiger sein, körperliche und seelische Überlastungen zu vermeiden, als den Erreger zu bekämpfen.

Hippokrates, der Vater der Medizin, kannte keine Erreger und keine Irrtümer im Immunsystem als Ursache von Krankheiten. Für ihn war Krankheit ein Ungleichgewicht der Körpersäfte; krank war der Mensch als Ganzer. Nach seiner Meinung beschreibt die Diagnose nur etwas Oberflächliches, das einigen Betroffenen gemeinsam ist, aber das Wesentliche nicht trifft. In der Tiefe habe jeder seine eigene Krankheit, die geprägt wird von seiner Konstitution, seinem Temperament, seiner Erziehung und seiner Lebensweise.

Erst im Mittelalter hat man versucht, Krankheiten zu personifizieren wie das Böse mit dem Teufel. Seit jener Zeit hält sich hartnäckig die Vorstellung, Krankheit sei so etwas wie ein haariges, wildes Monster, das den Menschen befalle wie ein Parasit. Das hat entscheidende Auswirkungen auf die Therapie gehabt. Während man früher davon ausgegangen war, man könne das in Unordnung geratene Gleichgewicht durch eine Rückkehr zu einer vernünftigen Lebensweise wieder herstellen, versucht man jetzt, die Krankheit auszurotten wie Unkraut in einem Garten.

Die MS ist als die "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet worden. Daraus folgt zunächst: Es gibt kein allgemein verbindliches Therapieschema für die MS, denn wenn die Krankheit selbst so einzigartig ist, muss auch die Therapie einzigartig sein. Aber noch etwas anderes ist wichtig: Eine der Besonderheiten der MS ist, daß der Patient jahrelange Erfahrung mit seiner Erkrankung hat, jede Nuance spürt, wie die MS auf seelische Belastungen, körperliche Anstrengungen, das Wetter, Medikamente, bestimmte krankengymnastische Übungen, Hitze, Massagen usw. reagiert, und sich deshalb in vielerlei Hinsicht viel besser auskennt als ein noch so guter Arzt.

 

IV. Was würde ich tun, wenn ich selbst eine MS hätte?

Trotzdem werden einige von Ihnen wissen wollen, wie eine MS aus ganzheitlicher Sicht konkret behandelt werden kann. Die Frage läßt sich am besten beantworten, wenn ich mir vorstelle, ich wäre selbst an einer MS erkrankt.

1. wäre es für mich wichtig, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, dem oder der ich vertraue, jemanden, der mich zu Wort kommen lässt, mir zuhört und das, was ich gesagt habe, sorgfältig in seinem Rat mitberücksichtigt.

2. Oberstes Prinzip bei der Behandlung wäre für mich das Prinzip, keinen zusätzlichen Schaden zuzufügen. Ich wäre mißtrauisch gegenüber allen therapeutischen Moden, weil ich weiß, wie wenig sich in den letzten 3 Jahrzehnten bewährt hat.

3. würde ich zunächst einmal auf eine vernünftige Lebensweise und pflanzliche Heilmittel setzen. Bei jedem Schub würde ich übervorsichtig sein. Das beste Heilmittel ist Ruhe und nicht Cortison. Wer das entzündliche Ödem auf eine sanfte Weise zum Abschwellen bringen will, dem sei empfohlen, mit 3mal 3 Tabletten Phlogenzym zu beginnen. Je nach Besserung der Symptomatik sollte die Reduktion in eigener Regie erfolgen. Wenn die Ausfälle allerdings von Anfang an gravierend sein sollten, oder wenn leichtere Symptome über länger als eine Woche fortschreiten, würde ich allerdings trotz der genannten Bedenken nicht zögern, mich mit Cortison behandeln zu lassen.

4. Zwischen den Schüben würde ich den sogenannten Antioxydantien-Cocktail einnehmen:

- Vit E 300 mg/Tag

- Vit C 1 gestrichener Teelöffel/Tag

- Selen 200 g/ Tag

- Zink 25 mg/Tag

(meiner Ansicht nach reichen 100g Selen und 10mg Zink/Tag)

Zur Erklärung: Das Gehirn verbraucht 20% des im Blut transportierten Sauerstoffs, obwohl es gewichtsmäßig nur 2% des Körpers ausmacht. Es enthält also unverhältnismäßig viel Sauerstoff und dementsprechend entstehen auch viele Sauerstoffradikale. Außerdem ist bei psychologischem Streß die Produktion von freien Radikalen erhöht.

Vitamin E ist Bestandteil aller biologischen Membrane. Seine wichtigste Funktion besteht darin, Membranfette vor dem Ranzigwerden durch Oxidationsprozesse zu schützen. Schon lange wird es als Oxidationsschutz bei pflanzlichen Ölen und Fetten eingesetzt. Wenn z.B. Myelin mit einem aggressiven Sauerstoffradikal in Berührung kommt, wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die von Fettmolekül zu Fettmolekül springt und damit zur Entstehung schwerer Membranschäden beitragen kann. Ursache der Kettenreaktion ist, vereinfacht gesagt, ein fehlendes Elektron, das von den freien Radikalen gestohlen wird. Dies wird durch Vitamin E ersetzt, und der Zerstörungsvorgang damit beendet. Nun fehlt dem Vitamin E ein. Das bekommt es von Vitamin C und ist dann wieder einsatzfähig.

(Selen ist notwendig, um den Schutzstoff Glutathion-Peroxidase aufzubauen.)

5. Zusätzlich würde meine Frau darauf bestehen, jeweils im Frühjahr und im Herbst eine Ginseng-Kur machen.

6. Beim Nahen einer Grippe würde ich das Vitamin C erhöhen und evtl. zusätzlich Echinacea, das ist Purpursonnenhutkraut, 3mal täglich einen Messlöffel voll nehmen, auch wenn im Beipackzettel etwas anderes steht. (oder Meditonsin (Aconitum D6 und anderes)-

7. Die Spastik, Schmerzen und Übelkeit würde ich mit Cannabis behandeln, und wenn ich eine Blasenstörung hätte, würde ich es mit Inconturina SR (Goldrutenkraut) 3mal 25 Tr. versuchen. Bei der Trigeminusneuralgie hilft manchmal Traumeel S (u.a. Arnica, Calendula und Chamomilla in homöopathischer Dosierung) dreimal 1 Tablette und bei Konzentrations- und Gedächtnisstörungen Gingko.

8. Das Müdigkeitssyndrom würde ich als vernünftige Stimme des Körpers sehr ernst nehmen: Es warnt mich vor Überlastung und schützt mich davor, einen neuen Schub zu provozieren. Schließlich ist ja davon auszugehen, daß sich der MS-Kranke in einer immerwährenden Rekonvaleszenz befindet. Es kann auch ein Hinweis darauf sein, daß eine frühzeitige Berentung erwogen werden sollte. Einige berichten, es werde durch Johanniskraut besser.

9. Ganz besonderen Wert würde ich auf eine vernünftige Ernährung legen. Es gibt keine MS-Diät, aber mindestens drei rationale Erwägungen, die zu berücksichtigen sind:

a) spricht vieles dafür, daß es sich bei der MS um eine Krankheit handelt, die erstmalig zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist. Es könnte sich also wie bei der Arteriosklerose um eine Zivilisationskrankheit handeln, die mit unserer modernen Lebensweise zusammenhängt.

b) In Norwegen erkranken arme Fischer fünfmal seltener an MS als reiche Bauern.

c) Japan und Korea liegen etwas auf demselben Breitengrad wie Deutschland, sollten also dieselbe MS-Häufigkeit haben. Tatsächlich beträgt sie jedoch nur 1/10 der unsrigen.

Die Richtlinien für eine vernünftige Ernährung bei der MS ergeben sich somit aus der Beantwortung der folgenden drei Fragen:

- Wie unterscheidet sich hinsichtlich der Ernährung unser Jahrhundert, in dem die MS häufig ist, von der Zeit, in der es keine MS gab? Antwort: z.B. durch Konserven, Auszugsmehle und hohen Zuckerkonsum.

- Was unterscheidet die Ernährung der armen Fischer in Norwegen von der der reichen Bauern? Antwort: Sie ist fischreich und fettarm.

- Wie unterscheidet sich die Ernährung der Japaner und Koreaner, die selten am MS erkranken, von der unsrigen. Antwort: Sie essen wenig Fett, wenig Fleisch, viel Fisch, viel frisches Gemüse und Reis anstelle von Kartoffeln.

Daran würde ich mich halten. Aber niemals darf eine Diät dazu führen, daß sie jemanden zum Sklaven macht oder ihm die Lebensfreude nimmt.

10. Ob ich auch den Rat eines Psychotherapeuten einholen würde? Ja, wenn ich den Eindruck hätte, daß sich meine MS unter seelischen Belastungen verstärkt. Denn wenn eine Krankheit auf die Lebensumstände reagiert, dann ist es auch wahrscheinlich, sie durch eine Änderung der Lebensumstände in den Griff zu bekommen.

 

Wie erkennt man Scharlatane?

Natürlich gibt es auch in der Ganzheitsmedizin und in der Naturheilkunde fließende Übergänge zur Bereicherung und Scharlatanerie. Wie kann man sie erkennen? Wir sollten uns getrost auf unseren gesunden Menschenverstand verlassen. Er trügt selten.

Beispiel: Die Erklärung für den Antioxydantien-Cocktail ist vielleicht nicht wissenschaftlich erhärtet, aber sie ist rational verständlich. Weniger nachvollziehbar ist die folgende Erklärung, die von Hulda Clark in ihrem Buch "Heilung ist möglich" für eine revolutionäre Technik zur Behandlung chronischer Erkrankungen angegeben wird. Sie glaubt, daß die meisten Krankheiten durch Parasiten wie Leberegel und Bandwürmer verursacht werden, aber von der Schulmedizin nicht erkannt werden. Jeder Parasit sendet eine "Biostrahlung" aus, die dem asiatischen Chi verwandt sein soll. Unter Anleitung von Frau Clark kann man sich nun aus einem Schuhkarton und einem Dutzend elektronischer Bauteile ein Gerät basteln, den sogenannten Zapper, mit dem man die Parasiten abtöten kann.

 

Verlässliche Faustregeln, das Wertvolle vom Betrug und Unsinn zu scheiden, gibt es nicht. Ich persönlich halte mich im Zweifel an die folgenden Kriterien:

Zunächst ist mir jeder Heilkundige verdächtig, der eine Sprache spricht, die ich nicht verstehe, und der bevorzugt Erkrankungen behandelt, die in Schüben, Attacken oder mit episodischen Verschlimmerungen auftreten, bei denen also die Rückbildung der Symptome zum natürlichen Krankheitsverlauf gehört. Größte Vorsicht ist geboten, wenn er neben seiner eigenen Meinung nichts gelten lässt.

Mißtrauisch macht es mich, wenn der Name und die Herkunft der verordneten Heilmittel exotisch sind, und wenn die Einnahme ein kompliziertes Ritual erfordert, das genau eingehalten werden muß.

Je mehr ein Mittel den Anspruch erhebt, ein Allheilmittel zu sein, also nicht nur gegen MS, sondern gleichzeitig gegen Rheuma und Alzheimer wirkt, desto fragwürdiger ist es.

Und ein nahezu sicheres Zeichen von Scharlatanerie ist, wenn das Medikament nicht in Apotheken erhältlich ist und von dem Heilkundigen, der es empfiehlt, selbst hergestellt und für teures Geld verkauft wird.

Ich denke, daß es mit diesen Faustregeln gelingt, den Weizen von der Spreu zu trennen, aber nicht ganz. Es werden immer in 5% Therapien übrigbleiben, die, obwohl sie gut sind, erst einmal mit Schimpf und Schande abgelehnt werden. Aber ich bin überzeugt, daß alles, was gut ist, sich letztendlich doch durchsetzt. Und so lautet die letzte Regel: Wenn ein Medikament neu ist, warte erst einmal ab, ob es sich bewährt. Über die meisten Wundermittel spricht man nach Jahr nicht mehr. Und wenn es angeblich die Wiederentdeckung eines uralten Rezeptes ist, dann frage dich, ob es nicht vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten ist.

 

Schluß

Meine sehr verehrten Damen und Herren, damit bin ich am Schluss meiner Ausführungen angelangt. Ich fasse zusammen:

1. Naturheilkunde und Schulmedizin unterscheiden sich im wesentlichen dadurch, daß Krankheit für die Schulmedizin einen aus den Fugen geratenen Prozess darstellt, der durch gegensteuernde Maßnahmen bekämpft werden muß. Aus der Sicht der Naturheilkunde aber handelt der Körper auch im Krankheitsfall richtig, indem er sinnvolle Abwehrmaßnahmen einleitet, die durch behutsames Eingreifen seitens des Arztes unterstützt werden sollen.

2. In diesem Sinne spricht die Naturheilkunde auch von einer "Heil"-Entzündung. Die entzündlichen Veränderungen in einem MS-Herd sind also kein Krankheitszeichen, sondern bereits ein Selbstheilungsversuch des Körpers. Das erklärt die Zurückhaltung gegenüber einer Therapie mit Cortison.

3. Auch die meisten Mittel der Schulmedizin stammen aus dem "Heilgärtlein der Natur", sind also pflanzlicher Herkunft oder sind von natürlicherweise im Körper vorkommenden Stoffen abgeleitet. Das trifft auch für das Cortison und die Beta-Interferone zu.

4. Durch die Verfeinerung der diagnostischen Möglichkeiten werden in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr "Mini-Formen" der MS diagnostiziert, die auch ohne medikamentöse Behandlung einen gutartigen Verlauf nehmen. Aus diesem Grund ist das "Schreckensbild" der MS, wie es immer noch in der Bevölkerung vorherrscht, nicht mehr haltbar. Es sollte alles getan werden, um skrupellose Geschäftemacher (sowohl unter den Vertretern von Außenseitermethoden, aber auch in den Reihen der etablierten Medizin) daran zu hindern, ein Geschäft mit der Angst zu machen, indem sie jungen Menschen mit einem gutartigen Verlauf einreden, sie müßten sich mit teuren und nebenwirkungsreichen Medikamenten schützen.

5. Weder durch die Puls-Therapie mit Cortison, noch durch die Einführung der Beta-Interferone ist der erhoffte Durchbruch in der MS-Behandlung erzielt worden. Der Einsatz dieser Medikamente sollte nur dann erwogen werden, wenn sich Hinweise auf eine aggressive Verlaufsform finden. Jeder Patient ist schlecht beraten, wenn er einseitig auf Medikamente (und das gilt auch für Vitamine) setzt und dabei eine gesunde Ernährung und eine Harmonisierung der Lebensweise vernachlässigt. Während Letzteres für die Arteriosklerose und den Herzinfarkt allgemein anerkannt ist, besteht für die MS noch ein erheblicher Nachholbedarf, der zum Teil auf ungenügende Aufklärung, zum Teil aber auch auf Bequemlichkeit zurückzuführen ist.

6. Während die Schulmedizin gefährdet ist, sich von der Pharmaindustrie beeinflussen zu lassen, läuft die alternative Therapie Gefahr, zur Scharlatanerie zu entarten. Der Arzt muss sowohl widerstehen, wenn ihm ein Arzneimittelvertreter als Dank für die häufige Verordnung eines teuren Medikaments eine Reise im Orient-Express anbietet, aber auch eine Grenze zur anderen Richtung hin ziehen. Für mich kann ich nur sagen, daß ich drei Gruppen von Maßnahmen unterscheide: Zur ersten Gruppe, von deren Wirksamkeit ich überzeugt bin, gehören Harmonisierung der Lebensweise, Vollwertkost, die Feldenkrais- bzw. Sowi-Methode, Cannabis, Ginseng, die Vitamine C und E und die Enzymtherapie, zur zweiten Gruppe, deren Wirksamkeit nicht ganz so sicher ist, Nachtkerzenöl, Weihrauch und Selen, und zur dritten Gruppe, die aus tiefster Seele ablehne, die Entfernung von Amalgam, die Ernährung nach Blutgruppen, die Therapie mit Schlangentoxinen und den Zapper von Hulda Clark.

7. Ich bin überzeugt, daß es in der Medizin keinen Sachverhalt gibt, der so schwierig ist, daß er einem Patienten nicht erklärt werden kann. Und ich bin überzeugt, daß ein Patient umso besser mit seiner Krankheit umgehen kann, je mehr er darüber weiß.

 

In Wirklichkeit sind Schulmedizin und natürliche Therapien keine Gegensätze, sondern ergänzen sich gegenseitig und bauen aufeinander auf. Wir sollten die Fortschritte der Medizin dankbar anerkennen, z.B. die phantastischen diagnostischen Möglichkeiten wie die Kernspintomographie, aber auch die Cortisontherapie, die in Einzelfällen lebensrettend sein und schweres Leid lindern kann. Mir gefällt das Bild vom Haus der Medizin: Unten, im Erdgeschoss, ist alles untergebracht, was man selbst tun kann, also gesunde Ernährung, Stressabbau, z.B. weniger Überstunden, Verzicht auf den Urlaub in der Karibik und Psychotherapie. Falls das nicht ausreicht, geht man ein Stockwerk höher zu den naturheilkundlichen Maßnahmen. Und wenn das nicht nützt, sollte man sich nicht scheuen, die Hilfe der Schulmedizin in Anspruch zu nehmen, die im obersten Stockwerk wohnt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Shiva Bhang 0031-20-4205215